Autismus Deutschland - Regionalverband Westerwald-Mittelrhein e.V. (WeMi)

Erfahrungsberichte

Natalie, 42 Jahre

Meine Kindheit und Jugendzeit

Als Kind wusste ich nicht, wie ich andere Kinder ansprechen sollte, denn ich war nie in der Lage, ein Mädchen zu bitten, mit mir zu spielen. Stattdessen mussten meine Geschwister herhalten oder ich beschäftigte mich mit mir selbst. Ab der sechsten Klasse hatte ich dann eine Freundin. Mit Teddy - so der Spitzname meiner Freundin - verband mich so viel. Teddy war auch eine Ausgestoßene, wenn auch aus einem anderen Grund als ich. Vor Teddys Freundschaft hatte ich immer nur abseits gestanden und die Pausen auch häufig auf der Toilette verbracht, damit niemand sah, wie allein ich war.

Ich war nicht nur schüchtern, sondern hochgradig menschenscheu. Vor allem Neuen hatte ich Angst. Wohl fühlte ich mich nur in meinem bekannten Zuhause. Wenn Ansprüche an mich gestellt wurden, verkroch ich mich in mein Schneckenhaus. Ich war eine gute Schülerin, arbeitete aber im mündlichen Unterricht außer in meinem Lieblingsfach fast nie mit. Ich ließ mich herumschubsen und bei Klassenarbeiten als Informationsquelle missbrauchen und ich war die letzte, die beim Mannschaftssport ausgesucht wurde.

Ich konnte auch niemandem in die Augen schauen und zog - bildhaft gesprochen - eine Mauer um mich herum. Hinter dieser Mauer konnte ich mich verstecken, hinter diesem Schutz tat das Verhalten meiner Mitschüler nicht mehr so weh, die mich immer nur dann kannten, wenn sie Hilfe nötig hatten.

Du könntest, wenn du nur wolltest

Oft genug durfte ich mir von meinem Vater anhören: "Du könntest, wenn du nur wolltest!" Warum verstand er nicht, dass ich wirklich nicht konnte? Aus heutiger Sicht betrachtet, hatte mein Vater in einigen Punkten Recht. Aber selbst heute gibt es Dinge, die ich immer noch nicht kann, die aber für normale Menschen so selbstverständlich sind wie Zähneputzen. Ich hätte als Kind und Jugendliche jemanden gebraucht, der mir zeigte, wie man auf andere Menschen zugeht. Aber meine schüchterne Mutter konnte mir keine Tipps geben und mein Vater sowieso nicht, ihn habe ich meistens nur brüllend erlebt.

Ausbildung und Beruf

Wie jemand auf die Idee kommen kann, einen Menschen mit einer autistischen Störung in einen Beruf zu drängen, wo viel Kontakt zu Mitmenschen gefragt ist, ist mir schleierhaft. Ich jedenfalls durfte eine Ausbildung zur Verkäuferin machen, obwohl ich viel lieber einen technischen Beruf gewählt hätte. Aber zu meiner Zeit gab es kaum Mädchen in typischen Männerberufen und die einzige Zusage für einen Ausbildungsplatz war leider die zur Verkäuferin. Mein Vater meinte: "Lieber einen Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach." Damit war mein berufliches Schicksal besiegelt.

Spaß hat mir der erlernte Beruf nie gemacht. Ich konnte nicht gut auf Kunden zugehen und ihnen erst recht nicht erzählen, wie gut das Kleid der Dame stand. Ich war viel zu ehrlich, als dass ich Kunden etwas aufschwatzen konnte, von dem ich nicht überzeugt war. Wenn ich aber von etwas überzeugt war, konnte ich Kunden zum Kauf überreden. Leider war das aber nur selten der Fall. Ich war eine miserable Verkäuferin, die nur mit Fakten argumentieren konnte, aber die nicht fähig war, jemandem zu schmeicheln. Irgendwann fand ich mich an der Kasse eines Supermarktes wieder und blieb dort bis zur Geburt meines ersten Kindes.

Heute bin ich Nur-Hausfrau und Mutter. Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Notwendigkeit. Der Versuch, vormittags arbeiten zu gehen, scheiterte an meiner Unfähigkeit, mich schnell von der Rolle der Mitarbeiterin auf die Mutterrolle umzustellen. Mittags nach Hause zu kommen, sofort das Essen zuzubereiten und im Anschluss die Hausaufgaben der Sprösslinge zu beaufsichtigen, die lieber Löcher in die Luft starren als zu arbeiten, das ging einfach über meine Kraft. Ich hasse den Beruf der Nur-Hausfrau, aber mir blieb nichts anderes übrig.

Vorbereitung ist alles

Rückblickend muss ich sagen, dass ich auf alles vorbereitet sein muss, auch heute noch. Ich kann nicht einfach mal eben zum Bäcker gehen, sondern muss diesen Gang planen. Auf dem Weg sage ich mir immer wieder vor, was ich kaufen möchte, um dann beim unbekannten Bäcker wortwörtlich trotzdem sprachlos zu sein. Erst wenn ich Menschen etwas besser kenne, kann ich mit ihnen einigermaßen "normal" umgehen.

Ich habe viele Interessen und würde so manchen Kurs besuchen, wenn ich nicht so schreckliche Angst vor einer neuen Umgebung und schlimmer noch, vor fremden Menschen hätte. Muss ich eine mir unbekannte Arztpraxis aufsuchen, fahre ich ein paar Tage vor dem Termin "zur Probe" am Gebäude vorbei, damit ich weiß, wo das Gebäude zu finden ist und wie es ausssieht. Habe ich einen Termin weiter weg, suche ich immer nach einer Begleitung (Ehemann, Mutter, Bekannte usw.). Eine zweite Person gibt mir Sicherheit. Aber vielfach geht das nicht und ich muss mit klopfendem Herzen und großer Angst irgendwie "da durch".

Was will die mit einem Kind?

Als ich das erste Mal schwanger wurde, gab es doch tatsächlich eine Kollegin, die sich fragte, was ich mit einem Baby will. Dieselbe Kollegin war auch der Meinung, ich wäre herzlos. Als ich das erfahren habe, war ich tief getroffen. Ich habe ein sehr großes Herz, aber ich bin keine, die über Gefühle spricht oder sie zeigt. Ich bin ausgesprochen hilfsbereit und habe noch nie jemanden im Stich gelassen. Nur kann ich sehr schlecht einen anderen Menschen in den Arm nehmen. Aber das heißt nicht, dass ich nicht mitfühlend bin. Und wenn ein Mensch angegriffen wird, bin ich es, die diese Person verteidigt.

Zugegeben, zuerst wusste ich wirklich nicht, ob ich eine gute Mutter werden würde. Ich fütterte und wickelte mein Baby und tat alles, was auch andere Mütter zu tun pflegen. Aber die überschwengliche Liebe zum eigenen Baby empfand ich nicht, obwohl ich mein Baby streichelte und küsste. Die absolute Gewissheit, dass ich mein Kind liebte, hatte ich erst später. Darüber möchte ich aber an dieser Stelle nichts schreiben, da es ausgesprochen persönlich ist.

Freunde finden

Es war für mich immer schwer, so zu tun, als sei ich normal. Glücklicherweise empfand man meine Schüchternheit als normal. Ein Mädchen durfte so sein, als Junge hätte ich es schwerer gehabt. Ich interessierte mich nicht sonderlich für meine Mitmenschen. Es war mir gleichgültig, wie sie hießen, wo und wie sie wohnten, was sie taten oder dachten. An Klatsch und Tratsch beteiligte ich mich nicht und tue es auch heute nicht. Es interessierte mich jedoch, wenn jemand aus einer Gruppe ausgeschlossen wurde. Dann war ich es, die versuchte, mit diesem einen Menschen irgendwie Kontakt aufzunehmen. Meistens aber suchte ein solcher Mensch Kontakt zu mir, weil ich es in der Regel doch nicht schaffte, aus meiner Haut zu schlüpfen und der andere irgendwie merkte, dass auch ich nicht wirklich zur Gruppe gehörte.

Ich habe mir die Mühe gemacht und alle Freunde und Bekannte überprüft. Zu meinem Schrecken musste ich feststellen, dass nicht eine Freundschaft entstand, weil ich diese gesucht hätte. Alle Bekannte - inzwischen sind es viele - haben sich an mich gewandt. Selbst meine wenigen echten Freundinnen habe ich nur, weil sie meine Freundschaft suchten. Mit den letzteren kann ich auch inzwischen über meine etwas andere Art sprechen. Meine Freundinnen verstehen mich; oder sie versuchen es wenigstens. Bei ihnen muss ich mich nicht so sehr verstellen, obwohl ich auch ihnen nicht alles von mir zeige und mein "ich" immer noch hinter einer Maske verstecke.

Blicke sind wie Dolchstiche

Im Alter jenseits von 20 Jahren fing ich endlich an, an mir zu arbeiten. Ich merkte, dass ich selbst es war, die sich ausschloss. Nicht die anderen waren anders, sondern ich. Diese Erkenntnis tat weh. Aber ich versuchte nun endlich, andere Menschen gezielt wahrzunehmen. Ich zwang mich dazu, ihnen in die Augen zu sehen. Mit den damit verbundenen Schmerzen versuchte ich, so gut es ging, umzugehen. Blicke tun so unsagbar weh. Es ist ein fast körperlicher Schmerz, so als würden mich Schwerter durchstechen. Aber erstaunt stellte ich fest, dass, je öfter ich mich dazu zwang, einen anderen anzuschauen, es immer weniger schmerzte. Heute habe ich zwar immer noch Schwierigkeiten, den Blickkontakt aufrecht zu erhalten, aber die höllisch schmerzhaften Dolchstiche empfinde ich nicht mehr. Nur bei mir völlig Unbekannten spüre ich hier und da noch den bohrend, stechenden Schmerz, der aber bei weitem nicht mehr so wehtut wie einst.

Leben mit einer Maske, versteckt in einem Turm

Schauspieler sind Menschen, die sehr gut in andere Rollen schlüpfen können und die jeweilige Rolle so gut spielen, dass man glaubt, sie seien wirklich so, wie sie sich darstellen. Aber es ist nur ein "als ob", nur eine Rolle, die abgestreift wird, wenn der Dreh beendet ist. Mein Leben hingegen ist ein einziges, andauerndes Schauspiel. Schon früh setzte ich mir eine Maske auf, hinter der ich mein eigentliches Ich versteckte. Diese Maske trage ich schon so lange, dass ich sie nicht mehr ablegen kann. Sie hält andere Menschen auf Abstand, damit man mich nicht verletzen kann. Aber sie hilft mir auch, normal zu erscheinen. Niemand käme auf die Idee, mich als ängstlichen Menschen zu bezeichnen, obwohl ich genau das bin. Letzten Endes lebe ich mit einer Lüge. Und auch hier hilft mir die Maske, diese Lüge aufrecht zu erhalten.

Wenn die Maske zum Schutz nicht mehr ausreicht, ziehe ich noch eine Mauer dicht um mich herum, man könnte auch von einem Turm sprechen, in den ich mich zurückziehe. Meistens geschieht das, wenn ich angegriffen werde. Dann höre ich hinter der Mauer die Worte nur noch durch eine Art Filter und nehme meine Umwelt nur noch durch einen Schleier wahr. Schmerz, Angst und harte Worte sind dann besser zu ertragen. Ist die Gefahr vorbei, reiße ich die Mauer wieder ein und mir genügt dann wieder meine Maske. Zweimal jedoch bekam die Maske Risse.

In einem Fall musste ich den Verlust eines geliebten Menschen verkraften. Ich schloss mich in meine Wohnung ein (erweiterte Mauer bzw. Turm) und trauerte drei volle Tage lang. Ausnahmsweise ließ ich meinen Mann und meine Mutter in meinen persönlichen Turm hinein, zu dem ich sonst keinem Menschen Zutritt gewähre. Für alle anderen ließ ich mich selbst am Telefon verleugnen. Doch sogar vor diesen beiden Menschen brauchte ich meine vertraute Maske. Genau da lag aber das Problem. Meine Maske bröckelte, bekam Risse. Wie sollte ich damit umgehen? Ich fühlte mich so nackt, vollkommen hilflos und ausgeliefert, ich zeigte Trauer, die ich lieber still mit mir selbst ausgemacht hätte und doch nicht dazu fähig war. Drei Tage später hatte ich mich gefangen, meine Maske gekittet und meinen Turm verlassen. Der Verlust hat noch weh, aber ich konnte wenigstens wieder andere Menschen in meiner Nähe ertragen, die ich jedoch vorher informieren ließ, mich auf keinen Fall auf meinen Verlust anzusprechen. Für meine Freundinnen muss das hart gewesen sein, denn sie hätten mich sicher gern getröstet.

Geblieben sind Prinzipien, Perfektionismus und Kontrollsucht

Prinzipien

Wer mich heute kennenlernt oder mich nach meinem 30. Geburtstag kennengelernt hat, kann sich nicht vorstellen, dass ich "unnormal" bin. Ich wirke wie jeder andere normale Mensch. Man hält mich für selbstbewusst, absolut vertrauenswürdig und standhaft. Aber gerade meine Standhaftigkeit beruht auf meinen selbst aufgestellten Regeln, die ich Prinzipien nenne. Gegen diese meine Prinzipien verstoße ich nicht, sie sind Teil meines Charakters und machen mich für andere berechenbar. Ich bin aber lange nicht so selbstbewusst, wie andere mich sehen. Selbstbewusst bin ich nur, wenn ich mit bekannten Menschen zusammen bin, scheu und wortkarg dagegen, wenn ich mich in einer unbekannten Umgebung bewege. Ich kann vor fremden Menschen eine Rede halten, sofern ich mich darauf vorbereiten kann. Ich muss mir vorher den Raum und die Menschen vorstellen, die mich anschauen werden und vor allem, meine Rede muss niedergeschrieben sein. Denn dann kann ich mich an etwas festhalten und weiß dann auch, in welcher Reihenfolge ich welche Themen behandeln werde. Andernfalls würde ich mich in Kleinigkeiten verlieren oder Wesentliches vergessen.

Perfektionismus

Wenn ich etwas tue, mache ich es 100% und werde verrückt, wenn ich merke, dass ich nur 90 % schaffe. Ich kann 5 nicht gerade sein lassen, es sei denn, dass mich das Thema nicht interessiert. In meinem Haushalt habe ich in den Schränken mehr Ordnung als davor. Wer mich besuchen kommt - natürlich nur nach vorheriger Anmeldung von wenigstens einer halben Stunde -, kann ein heilloses Chaos vorfinden. Da steht auf der Spüle benutztes Geschirr, weil ich mich nicht aufraffen kann, das Geschirr eine Etage tiefer in den Geschirrspüler zu räumen. Im Geschirrspüler selbst ist alles sortiert: Messer zu Messern, Löffel zu Löffeln...

Manchmal stelle ich fest, dass ich Perfektionismus bei meinen Interessensgebieten auch von anderen erwarte. Wenn ich beispielsweise an einer Tabelle arbeite, erwarte ich den gleichen Enthusiasmus auch von anderen. Wehe, die Tabelle ist nicht so ausgefüllt wie ich es mir gedacht habe. Dann muss ich mir vor Augen führen, dass auch ich Dinge nicht oder nicht richtig mache, obwohl man das von mir erwarten könnte.

Kontrollsucht

Meine schlimmste Eigenschaft ist, nicht nur mich, sondern auch andere zu kontrollieren. Ich tue es nicht, um jemandem einen Fehler nachzuweisen, sondern um Folgefehler zu vermeiden, was wiederum mit meinem Perfektionismus zusammenhängt. Diesen Bericht habe ich mindestens zehnmal überarbeitet, immer auf der Suche nach der absoluten Wortwahl. Ich will mich immer selbst übertreffen. Ich kann einfach nicht mit einem Ergebnis zufrieden sein. Während ich meinen Mitmenschen Fehler verzeihe und sogar großzügig darüber hinwegsehe, kann ich mir meine eigenen Fehler kaum verzeihen.

Ziele für die Zukunft

Einige meiner autistischen Verhaltensweisen konnte ich ablegen, andere habe ich eingedämmt. Für die Zukunft habe ich mir vorgenommen, nicht mehr so perfekt zu sein und an meinem Kontrollzwang zu arbeiten. Ob es mir gelingen wird, weiß ich nicht. Was ich aber weiß: Ich konnte mich ändern! Voraussetzung ist jedoch, dass bei mir eine gewisse Einsicht vorhanden sein muss und dass ich wirklich an mir arbeiten will. Alles werde ich nicht ändern können, aber ich konnte mich soweit selbst therapieren, dass ich als ganz normaler Mensch mit ein paar Macken durchgehen kann.

Aber ich brauchte Hilfe und Anstöße von außen. Viele Menschen waren mir eine Hilfe, ohne dass sie es bemerkt hätten. Es waren Menschen, die mich so akzeptierten wie ich war. Es waren Menschen, die mich trotz meiner Schüchternheit mochten und es mir auch zeigten. Es waren Menschen, die auf mich zugingen und sich von meinem teilweise ablehnenden Wesen nicht haben abschrecken lassen.

Ich finde es wichtig, dass man autistische Kinder von leicht autistischen Erwachsenen begleiten lässt, da diese Erwachsenen am besten nachvollziehen können, wie schwer es ist, Freunde zu finden. Sie wissen, wie es sich anfühlt, wenn man sich in die eigene Welt zurückzieht und sie können nachempfinden, was es heißt, einen anderen Menschen anschauen zu müssen oder von diesem berührt zu werden. Sie wissen aber auch, wie man damit umgehen kann, erst recht, wenn sie wie ich an sich selbst gearbeitet haben und einiges ändern konnten. Ein leicht autistischer Erwachsene könnte meiner Meinung nach einem Kind helfen, mit Autismus zu leben und könnte unter Umständen auch Wege zeigen, wie man sich selbst aus dem eigenen Turm befreit. Ich weiß aber leider auch, dass nicht alle dazu fähig sind.

Autismus Deutschland - Regionalverband Westerwald-Mittelrhein e.V. (WeMi)