Autismus Deutschland - Regionalverband Westerwald-Mittelrhein e.V. (WeMi)

Erfahrungsberichte

Robert, 62 Jahre

Kindheit

Während des zweiten Weltkrieges wurde Robert als viertes von sechs Kindern einer Arbeiterfamilie geboren. Roberts Kindheit war wie bei vielen anderen Kindern, die in der Nachkriegszeit aufwuchsen, von Entbehrungen geprägt. Oft mussten die größeren Kinder zu Fuß, einen Karren hinter sich herziehend, in die nahe gelegene Stadt marschieren und Obst und Gemüse auf dem Markt verkaufen, den die Familie in ihrem kleinen Garten anbaute.

Was die Eltern sagten, war Gesetz und man durfte nicht rebellieren. Spielzeug gab es so gut wie gar nicht. Robert fühlte sich oft wie das fünfte Rad am Wagen. Er verbrachte seine freie Zeit meist mit ein paar wenigen Schulkameraden auf der Straße, aber echte Freunde hatte Robert nie. Die einzige Abwechslung waren die jährlichen Kirchweihfeste in der näheren Umgebung, die entweder zu Fuß oder per Fahrrad besucht wurden.

Schul- und Jugendzeit

Im Deutschunterricht hatte Robert Probleme mit der Rechtschreibung und große Schwierigkeiten, beim Lesen Sätze und Wörter korrekt zu betonen. Aber in Mathematik war er sehr gut, denn er hatte einen Onkel, der bei ihm das Interesse an Mathematik weckte. Nach dem Schulabschluss konnte Robert nicht die gewünschte Ausbildung machen, denn den Eltern erschien es wichtiger, dass ihre Kinder sofort eine Arbeit annahmen. Noch heute bekümmert es Robert, dass er immer nur ungelernter Arbeiter war.

Elefant im Porzellanladen

Oft genug hörte Robert von seinen älteren Geschwistern: "Du kannst nichts!" Und in der Tat schien es so, als hätte Robert zwei linke Hände. Was er an handwerklichen Arbeiten erledigte, war zwar gut durchdacht, aber grob gefertigt, Lob erhielt er für solche Arbeiten ohnehin nicht.

Nicht nur bei handwerklichen Arbeiten ließ Robert Feingefühl vermissen, sondern auch im Umgang mit anderen Menschen. Er eckte mit seiner lauten Stimme an, wusste nicht, wie man ein Gespräch führt und platzte oftmals einfach mitten in ein Gespräch hinein. Robert ließ sich selten überzeugen und beharrte auf seinen eigenen Behauptungen auch dann noch, wenn sie widerlegt werden konnten.

Robert war und ist das, was man unter einem Elefanten im Porzellanladen versteht. Denn wie ein tolpatschiger Elefant Porzellan zerschlägt, trampelt Robert auf den Gefühlen anderer Menschen herum, ohne es zu bemerken.

Kommunikation, Gespräche führen

Menschen, die Robert nicht kennen, wundern sich über die vielen Gedankensprünge und können ihm in einem Gespräch kaum folgen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Robert nicht verständlich ausdrücken kann und sich häufig wiederholt. Auffällig ist ebenfalls, dass er Geschichten oder Begebenheiten nicht chronologisch wiedergeben kann. Dadurch, dass Robert sehr laut spricht, hat ein Gesprächspartner häufig das Gefühl, angegriffen zu werden, zumal Robert in der Regel nur seine Meinung gelten lässt und bei Gegenargumenten noch lauter wird.

Tics und Stereotypien

Robert hat einige seltsame Verhaltensweisen. Unter anderem streckt er häufig seine Zunge heraus, aber nicht, um einen anderen Menschen zu beleidigen, sondern vielmehr zur eigenen Stimulation. Wenn man ihn mit viel Mühe dazu bringt, eine stereotype Bewegung (wiederholt Zunge herausstrecken) zu unterlassen, entwickelt er dafür eine neue. Robert braucht solche immer wiederkehrenden Bewegungen.

Rituale

Pünktlich um sieben Uhr morgens wird unmittelbar nach dem Aufstehen das Radio eingeschaltet und gefrühstückt. Auch die anderen Essenszeiten sind streng nach der Uhrzeit geplant, können aber in begründeten Ausnahmefällen auch mal zu einer anderen Uhrzeit stattfinden. Nachmittags vertieft sich Robert in ein Rätselheft und ab einer ganz bestimmten Uhrzeit wird das Radio aus- und der Fernseher eingeschaltet. Robert verträgt keine Ruhe. Selbt wenn er sich im Garten aufhält, muss das Radio mit. Nur bei der Autofahrt verzichtet Robert auf Kurzstrecken auf akustische Untermalung. Mit Ausnahme des Badezimmers steht in jedem Raum ein Radiogerät. Verlässt Robert die Küche, stellt er das Radiogerät aus, nur um ein anderes Radio im nächsten Zimmer wieder einzuschalten.

In Roberts kleiner Werkstatt hat jedes Werkzeug seinen eigenen Platz. In Schubladen hortet er Schrauben und Nägel, die auch dann noch aufgehoben werden, wenn sie längst verrostet sind. Überhaupt wird vieles aufgehoben, das andere längst entsorgt hätten. Hält sich Robert längere Zeit in seiner Werkstatt auf, dudelt auch hier ein Radio vor sich hin.

Jetzt gedacht - sofort gemacht

Positiv herausragend war und ist Roberts absolute Hilfsbereitschaft. Kaum wird ihm eine Bitte angetragen, macht er sich schon auf, diese Bitte sofort zu erfüllen. Gleiches gilt für entwickelte Ideen, die sofort in die Tat umgesetzt werden. Warten kann Robert leider nicht. Hat er sich zum Beispiel einen neuen Fernseher in den Kopf gesetzt, wird sofort im nächstgelegenen Laden ein solches Gerät gekauft.

Sozialverhalten

Robert merkt oft nicht, dass er mit seinem Verhalten andere Menschen vergrault. Einerseits kann er negative Gefühle (Wut, Ärger usw.) zeigen, andererseits fällt es ihm schwer, positive Gefühle auszudrücken. Ein Satz wie zum Beispiel "Ich habe dich lieb." kommt ihm nicht über die Lippen. Was aber nicht heißen soll, dass er keine positiven Gefühle hat.

Wird Robert auf einen Fehler aufmerksam gemacht, schmolt er. Als junger Mensch konnte ein solches Schmollen Tage andauern. Heute genügen ihm ein bis zwei Stunden, manchmal sogar nur Minuten.

Leider ist es nicht möglich, Robert auf seine Auffälligkeiten anzusprechen. Er selbst sieht sie nicht oder empfindet sie als normal. Ihm fehlt einfach das nötige Verständnis. Daher können ihn die Mitmenschen nur so nehmen wie er ist. Einige tun es, andere haben sich von ihm zurückgezogen. Abschließend lässt sich nur sagen, dass Robert sein bisheriges Leben einigermaßen im Griff hatte und auch weiterhin ein eigenbestimmtes Leben führen kann.

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