Autismus beinhaltet ein ganzes Spektrum an Einzelsymptomen. Leider sind es gerade diese Einzelsymptome, die eine Diagnose so schwierig macht. Warum sollen Eltern beunruhigt sein, weil ihr Kind mit knapp drei Jahren noch nicht spricht? Jedes Kind hat schließlich irgendwann sprechen gelernt, hören Eltern aus dem Bekanntenkreis. Selbst Kinderärzte machen Ausagen wie: "Das wächst sich aus! Lassen Sie Ihr Kind erst einmal in den Kindergarten gehen, dann redet es schon."
Andere Aussagen hören Eltern, wenn es sich um die Spezialinteressen ihres Kindes handelt. "Was habt ihr für ein aufgewecktes Kind!" hören sie aus dem Verwandtenkreis, weil der vierjährige Junge alle Automarken und deren Typen und Modelle korrekt benennen kann. Oder ein Mädchen wird gelobt und bestaunt, weil es im Alter von nicht einmal drei Jahren das Kartenspiel UNO wie ein Erwachsener beherrscht und ganz nebenbei auch noch zu lesen beginnt.
Mit Autismus bezeichnet man den Rückzug in die eigene psychische Welt, was der Schweizer Psychiater Bleuler bereits im Jahre 1911 beschrieben hat. Das Symptom des Rückzuges ist auch bei schizophrenen Menschen zu beobachten.
Während sich die einen komplett der Außenwelt entziehen und ein Herankommen fast unmöglich ist, "erstarren" andere nur in bestimmten, meist ungewohnten Situationen oder in einer fremden Umgebung. Manche ziehen sich in "ihre Welt" zurück, wenn sie gerügt werden oder etwas nicht so ist, wie sie es gewohnt sind.
Der Rückzug kündigt sich bei den weniger Betroffenen meistens an und beginnt mit einem starren Blick in eine Richtung, dies kann auch der direkte Blick in die Augen des Gegenübers sein. Als nächstes ist der Autist nicht mehr anzusprechen. Das heißt, die zu ihm gesprochenen Worte werden zwar gehört, aber nicht mehr verarbeitet. Jetzt können noch Tics folgen wie etwa ein ständiges Kopfschütteln, das Hin- und Herschaukeln auf einem Stuhl oder auch ein Selbstverletzen wie zum Beispiel sich selbst in die Hand beißen oder - im wahrsten Sinne dieses Wortes - mit dem Kopf gegen die nächste Wand rennen. Weiterhin können Aggressionen folgen wie zum Beispiel Schlagen oder Treten.
Der Rückzug in sich selbst ist eine Seite des Autismus. Weitere Störungen im Bereich der Kommunikation, Wahrnehmung, Bewegung und im Verhalten können noch hinzukommen. Lesen Sie dazu bitte unter Erkennungszeichen weiter.
Innerhalb des autistischen Spektrums gibt es zunächst Grundformen. Zwischen frühkindlichem und atypischem Autismus wird vielfach nicht unterschieden, ebenso wird in manchen Fachbüchern nicht zwischen Asperger-Syndrom und High Functioning Autism unterschieden.
Auf die einzelnen Begriffe und Formen aus dem autistischen Spektrum wird weiter unten auf dieser Seite näher eingegangen.
Unter dem Begriff Autismus versteht die Fachwelt einen "Rückzug in sich selbst". Ein Kind, das unter Autismus leidet, lebt in einer eigenen, für Außenstehende nicht nachvollziehbaren, Welt. Es scheint fast so, als wäre ein solches Kind in einem Turm eingeschlossen, aus dem es aus eigener Kraft nicht wieder herausfindet. Außenstehende haben leicht das Gefühl, ein Autist würde ohnehin nicht aus diesem Turm herauskommen wollen. Innerhalb dieses Turmes hört und sieht ein autistisch Behinderter nichts, die Außenwelt wird nicht wahrgenommen. Schwerbehinderte leben fast ständig in dieser Welt, weniger beeinträchtigte Autisten ziehen sich lediglich in bestimmten, meist ungewohnten, Situationen in eine solche Welt zurück. Mehr unter Was ist Autismus?
Bei allen genannten Formen finden sich unabhängig der Grundform weitere Störungen wie AD(H)S (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit und ohne Hyperaktivität), Ungeschicklichkeit, Essstörungen, falsche oder keine Einschätzung von Gefahrenquellen, aggressives und/oder selbstverletzendes Verhalten, Schlafstörungen, Tics (Muskelzucken, nervöses Zucken), Mutismus (seelisch bedingte Stummheit), Echolalie (das soeben Gehörte teilweise oder wortgetreu wiederholen) und Depressionen. Außerdem können bei etwa einem Drittel in der Kindheit neurologische Auffälligkeiten wie zum Beispiel Epilepsien auftreten.
Zusätzlich zu den oben genannten Störungen geht Autismus oft mit einer Intelligenzminderung (frühkindlich, atypisch) einher. Hinzu kommen Sprachstörungen bis hin zu keinerlei Sprache, ferner Hör- und Sehstörungen. Zu den körperlichen Beeinträchtigungen zählen weiterhin das Rett-Syndrom und Chromosomenstörungen.
Die genannten Störungen müssen längst nicht alle Betroffenen zeigen, sie sind jedoch gegenüber normalen Menschen überhäufig vertreten.
Nach den Erfahrungen, die viele Eltern machen mussten, wird - wenn sie denn endlich einen einigermaßen qualifizierten Arzt finden - als erste Diagnose die etwas vage Aussage "autistische Züge" getroffen. Viele Kinderärzte, die sich etwas mit Autismus auskennen, selbst Fachärzte tun sich schwer, Eltern die Wahrheit zu offerieren. Tatsächlich können autistische Züge mit etwa drei Jahren beginnen und bis zum Alter von etwa 5 Jahren wieder verschwinden. Aber bis Eltern eine detaillierte Diagnose erhalten, ist ein leicht autistisches Kind im günstigsten Fall bereits 5 oder 6 Jahre alt und zeigt neben den autistischen Zügen weitere Auffälligkeiten, die nur einen Schluss zulassen: Autismus! Das Durchschnittsalter, in dem ein Kind die Diagnose Autismus erhält, liegt bei etwa 12 Jahren!
Eltern werden mit einer vagen Aussage beruhigt, wertvolle Zeit verstreicht ungenutzt. Ihr Kind fällt erst im Kindergarten durch ein seltsames Verhalten auf, dann in der Schule. Und noch immer irren die Eltern von Arzt zu Arzt, ohne dass ihrem Kind geholfen wird, immer in der Hoffnung, dass sich alles "wieder auswächst".
Der Kinderpsychiater Leo Kanner beschrieb 1943 in den USA eine Störung, die als frühkindlicher Autismus bezeichnet wird. Frühkindlicher Autismus (Kanner-Autismus, auch Kanner-Syndrom) beginnt meist in den ersten Lebensmonaten.
Der Blickkontakt fehlt, wird später seltener oder bleibt ausweichend. Das Kind beginnt spät zu sprechen oder die Sprache bleibt bei etwa 50 % der Betroffenen völlig aus. In diesem Fall spricht man von Mutismus. Gehörte Worte werden wiederholt (Echolalie), die Sprache dient nicht der Kommunikation. Ein stark verzögerter Sprachbeginn ist ebenfalls möglich.
Frühkindlicher Autismus wird in der Regel mit verminderter Intelligenz begleitet. Interessant ist, dass es im Bereich der Motorik keine Einschränkung gibt, es sei denn, dass zusätzliche Erkrankungen wie zum Beispiel das Rett-Syndrom hinzukommen.
Unter atypischem Autismus versteht man das gleiche wie unter frühkindlichem Autismus, nur dass die ersten Symptome nicht schon in den ersten Lebensmonaten erkennbar sind, sondern erst im Alter von etwa drei Jahren beginnen.
Diese Störung wurde benannt nach dem österreichischen Kinderarzt Hans Asperger, der im Jahre 1944 unabhängig von dem Amerikaner Leo Kanner eine Störung untersuchte, die Hans Asperger als autistische Persönlichkeitsstörung bezeichnete.
Die ersten Auffälligkeiten beginnen etwa mit dem 3. Lebensjahr. Der Blickkontakt wird nicht komplett verweigert, ist aber selten und flüchtig. Die Sprache beginnt früh, entwickelt sich rasch und ist grammatisch korrekt. Die Sprache dient immer der Kommunikation, ist aber gestört. Das heißt: Die Kinder fangen einfach an zu reden und man muss nachhaken, um zu verstehen, wovon und über was das Kind gerade spricht. Mit zunehmendem Alter und entsprechender Förderung weicht die Spontanrede einer fast normalen Kommunikation.
Beim Asperger-Syndrom ist eine Intelligenzschwäche eher selten. "Aspies" - wie sich manche am Asperger-Syndrom leidende Menschen gern selbst bezeichnen - verfügen im Gegenteil über gute bis überdurchschnittliche Intelligenz.
Auffällig ist beim Asperger-Syndrom die Ungeschicklichkeit. Grob- und Feinmotorik sind gestört. Einen Löffel richtig zu halten oder später mit Messer und Gabel zu essen, fällt Aspies schwer, das Hantieren mit einer Schere ebenso. Die Schrift ist krakelig, weil der Schreibstift nur schwer in der Hand liegt.
Inwieweit High Functioning Autism und Asperger-Syndrom eigenständige Erkrankungen sind, darüber gibt es unterschiedliche Meinungen.
In englischsprachigen Ländern wird der Begriff Asperger-Syndrom häufig nicht benutzt, stattdessen wird von High Functioning Autism (zu deutsch: Autismus mit hoher Funktion, Autismus mit normaler oder hoher Intelligenz) gesprochen. Auch hat es sich herausgestellt, dass Therapien eher genehmigt werden, wenn der Begriff High Functioning Autism in der Diagnose auftaucht.
In manchen Fachbüchern werden High Functioning Autism und Asperger-Syndrom separat behandelt, in anderen nicht. Der Unterschied ist bei einer Trennung jedenfalls so gering, dass wir an dieser Stelle nicht näher auf High Functioning Autism eingehen möchten und stattdessen nur zwischen frühkindlichem (bzw. a-typischem) Autismus und Asperger-Syndrom (gemeinsam mit High Functioning Autism) unterscheiden möchten.
Die Unterschiede zwischen frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom, Kanner-Autismus), atypischem Autismus, dem Asperger-Syndrom (Asperger-Störung) und High Functioning Autism sind fließend. So ist es durchaus möglich, dass ein Kind im Alter von etwa 2 bis 3 Jahren unter frühkindlichem Autismus leidet, aber ein paar Jahre später dasselbe Kind die Klassifizierung Asperger-Syndrom erhält.
Autismus wird durch Klassifikationssysteme wie DSM-IV und ICD-10 diagnostiziert. Beide Systeme stellen wir hier vor.
Im DMS-IV wird der frühkindliche Autismus den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen zugeordnet und mit folgenden Kriterien beschrieben:
Es müssen mindestens sechs Kriterien aus 1, 2 oder 3 zutreffen, wobei mindestens zwei Punkte aus 1 und je ein Punkt aus 2 und 3 stammen müssen:
In der ICD-10 wird der frühkindliche Autismus ebenfalls zu den tiefgreifenden Entwicklungsstörungen gerechnet. Er ist darin definiert durch:
Die Diagnosekriterien (Forschungskriterien) der ICD-10 lauten im Einzelnen:
Sehr wahrscheinlich spielen bei Autismus Hirnfunktionsstörungen eine Rolle, wobei die Ergebnisse in Bezug auf die Entstehung unterschiedlich sind. Rötelnerkrankung und Alkoholkonsum während der Schwangerschaft können als Ursache zu einem geringen Prozentsatz ebenfalls beteiligt sein, auch Geburtskomplikationen wie zum Beispiel Sauerstoffmangel während der Geburt. Möglich sind auch genetische Vererbung oder biochemische Besonderheiten, welche aber noch schwer zu beurteilen sind, da die Meinungen aus Fachkreisen unterschiedlich sind.
Was aber als sicher feststeht, ist: Autismus ist nicht auf eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung zurückzuführen. Noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden die sogenannten "kalten Mütter" für das autistische Verhalten ihrer Kinder verantwortlich gemacht. Heute wird Müttern und Vätern dieser Vorwurf von Fachleuten nicht mehr gemacht.