Autismus Deutschland - Regionalverband Westerwald-Mittelrhein e.V. (WeMi)

Informationen für Eltern

Therapiemöglichkeiten: Blickkontakt aufbauen

Allgemeine Informationen

Blickkontakt aufzubauen und erst recht diesen auch zu halten, fällt vielen Kindern mit Autismus schwer. Viele können entweder jemanden anschauen oder mit diesem sprechen. Beides zusammen geht nicht. Es kann daher lange dauern, bis sich eine Änderung zeigt. Nutzen Sie für Übungen eine Zeit, in der sich Ihr Kind wohlfühlt.

Bitte bedenken Sie, dass nicht jede genannte Empfehlung für jedes autistische Kind geeignet ist. Probieren Sie von den hier beschriebenen Methoden nur die aus, von denen Sie selbst überzeugt sind und die Ihr Kind auch annimmt. Bedenken Sie bitte auch, dass es nicht darauf ankommt, möglichst schnell eine Änderung herbeizuführen. Eine langsame, dafür aber umso erfolgreichere Methode hat den größeren und dauerhafteren Nutzen.

Vorübungen

Schauen Sie sich mit Ihrem Kind einfache Bilderbücher mit einfachen Gegenständen an, wobei Sie zu Beginn Bilder mit Menschen meiden sollten. Erklären Sie beim Betrachten, was zu sehen ist. Gehen Sie dann dazu über, sich mit Ihrem Kind Bilder von Tieren anzuschauen. Zeigen Sie mit dem Finger auf Nase (Schnauze), Mund und Augen, aber auch auf Beine, Pfoten und andere Körperteile. Wenn möglich, kann Ihr Kind ebenfalls auf Körperteile deuten oder gar benennen.

Wenn Ihr Kind Tiere oder Figuren unterscheiden und diese evt. auch richtig benennen kann, gehen Sie dazu über, Zeichnungen und Bilder (keine Fotos!) von Menschen zu betrachten. Auch hier sollten Sie Körperteile benennen und dabei aufzeigen, worin sich Tiere und Menschen gleichen. Zum Beispiel: Tiere und Menschen haben zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Das Ziel dabei lautet: Wer vor Tieren keine Angst hat, braucht auch vor Menschen keine Angst zu haben.

Im letzten vorbereitenden Schritt können Sie mit Ihrem Kind Fotos von Tieren betrachten und im Anschluss daran auch Fotos von Menschen. Vielleicht eignen sich dazu ja Familienfotos: Sie als Kind, Ihr Kind selbst, Fotos von Geschwistern oder von Oma und Opa und andere. Aber auch Zeitschriften oder ein Modekatalog eignen sich zum Betrachten von Menschen. Wenn auf Fotos Menschen erkannt und damit als solche identifiziert werden, ist der Schritt zum Aufbau eines Blickkontakts nicht mehr allzu fern.

Blickkontakt aufbauen

Voraussetzung zum Aufbau eines Blickkontaktes ist die Notwendigkeit, Menschen auch als Menschen wahrzunehmen, also die Fähigkeit, zum Beispiel zwischen Mama und Papa zu unterscheiden oder auch sich selbst auf Fotos oder im Spiegel zu erkennen.

Erklären Sie Ihrem Kind, dass es höflich ist, denjenigen auch anzuschauen, mit dem man redet und dass es den anderen verärgert, wenn er oder sie nicht angeschaut wird. Nutzen Sie für Erklärungen Worte, die Ihr Kind versteht. Sagen Sie zum Beispiel nicht: "Es tut mir weh, wenn du mich nicht anschaust." Denn es ist ja kein körperlicher Schmerz, den Sie empfinden. Sagen Sie stattdessen: "Es ärgert mich." oder "Du ärgerst mich." oder auch "Ich bin traurig." Es geht auch positiv: "Wenn du mich anschaust, kann ich dich besser verstehen / dir besser zuhören." oder "Wenn du mich anschaust, freue ich mich darüber." Erklären Sie Ihrem Kind, dass es vollkommen ausreicht, am Gesicht des Gegenübers vorbeizuschauen.

Loben Sie Ihr Kind, wenn es Sie anschaut. Bieten Sie Süßigkeiten (Keks, Bonbon, Lutscher etc.) als Belohung an oder versprechen Sie Ihrem Kind, dass es sich danach ein Spiel aussuchen darf, das Sie mit ihm spielen. Alternativ können Sie das Lieblingsspielzeug in einige Entfernung legen und dieses bei jedem erfolgten Blickkontakt näher zum Kind rücken. Die Möglichkeiten, Ihr Kind zu motivieren, sind vielfältig. Da Sie Ihr Kind am besten kennen, können auch nur Sie abschätzen, was Sie als Belohnung einsetzen können.

Seien Sie zu Beginn nicht enttäuscht, wenn Ihr Kind Blickkontakt auch mit Belohnung verweigert. Es genügt zu Anfang, wenn Ihr Kind zumindest in Ihre Richtung blickt. Denken Sie daran, dass Ihr Kind dies alles erst üben muss und beachten Sie auch, dass Ihr Kind Blickkontakt als beinahe körperlichen Schmerz empfindet. Sie verlangen also, dass Ihr Kind Schmerz ertragen soll. Würden Sie das gern wollen?

Wenn Ihr Kind Sie nicht direkt anschauen mag, versuchen Sie es mit einem Spiegelbild. Setzen Sie sich dazu mit Ihrem Kind vor einen Spiegel, der groß genug ist, um beide im Spiegel sehen zu können. Legen Sie den Finger auf den Mund Ihres Spiegelbildes und fordern Sie Ihr Kind auf, es Ihnen nachzumachen. Helfen Sie Ihrem Kind unter Umständen, indem Sie die Hand Ihres Kindes führen. Berühren Sie auch Nase, Ohren, Augen, Stirn und so weiter. Ebenso können Sie das Spiegelbild Ihres Kindes berühren. Wenn dies gelingt, berühren Sie bei späteren Übungen nicht mehr Ihr Spiegelbild, sondern sich selbst.

Ist Ihnen auch dies gelungen, können Sie zeitweise und später ganz auf den Spiegel verzichten und setzen sich dafür Ihrem Kind gegenüber. Jetzt sollten Sie das Spiegelbild Ihres Kindes sein. Das heißt: Wenn Sie Ihre Nase berühren, sollte Ihr Kind es Ihnen nachmachen und die eigene Nase berühren. Sie können auch Grimassen schneiden, die Ihr Kind imitiert. Fragen Sie Ihr Kind auch, welche Augenfarbe Sie haben. Durch solche Fragen muss Ihr Kind Sie auch anschauen.

Es sollte sich von selbst verstehen, dass eine Bestrafung keine geeignete Methode ist, ein Kind zu motivieren. Eine Bestrafung setzt voraus, dass sich ein Kind seines Fehlers auch bewusst ist. Jemanden nicht anzuschauen, bedeutet einem Schmerz auszuweichen, so schwer ein solcher Schmerz für normale Menschen auch nachzuvollziehen ist. Ersetzen Sie Bestrafung durch Konsequenz. Stellen Sie Regeln auf und halten Sie sich auch daran. Ändern Sie Regeln nur nach Ankündigung. Das gibt Ihrem Kind Sicherheit.

Autismus Deutschland - Regionalverband Westerwald-Mittelrhein e.V. (WeMi)